SIMPLICICSSIMUS 1997
NEUES VOLKSBLATT Linz, 21 August 1997
Hartmanns "Simplicissimus" als Wiener Sommerangebot
Die Magie des Raumes
Die Ambitionen des Wiener "KlangBogens", vordringlich für die kulturelle Gestaltung des Sommers zuständig, sind nicht zu übersehen. Nach dem kompletten Mozart im Theater an der Wien gibt es nun im Semper-Depot den "Simplicius Simplicissimus" von Karl Amadeus Hartmann (1905-1963), ein geachtetes, wenn auch im allgemeinen selten gespieltes Stück modernen Musiktheaters.
Von Renate Wagner
Hartmann griff in den dreißiger Jahren auf den Roman von Grimmelshausen zurück, um mit den Szenen aus dem Dreißigjährigen Krieg seine warnende musikalische Stimme angesichts dessen zu erheben, was spürbar bevorstand ... Sie zeigen Simplicissimus, den einfältigen Bauernburschen, auf der Flucht vor den Landsknechten. im Asyl bei dem weisen Einsiedler und als eine Art Narren beim Gouverneur, dem er schreckliche Wahrheiten über jene entgegenschleudert, die in Kriegen die Menschen zugrunde richten. Regisseur Michael Scheidl hat sich nicht mit vordergründigen Modernismen abgegeben, sondern eine gewisse Zeitlosigkeit angestrebt. Musik und Aufführung sorgen für einen eindrucksvollen Abend. Dabei wirkt vor allem der riesige Raum des "Semper-Depots" in der Lehargasse, einst für die Kulissen der Hofoper gebaut, als geradezu magische Szenerie. Die Handlung spielt sich rund um eine drehbare Scheibe in archetypischer Einfachheit ab, und Barbara Heimann (gute Stimme, leider total verknödelte Sprache) bietet als Simplicissimus den Inbegriff des unschuldigen Menschen der zum Opfer einer entfesselten Kriegsmaschinerie wird, die Scheidl von allen Seiten und Höhen hereinbrechen last
Alexander Drcar dirigierte das Ensemble Musica Viva, und Hartmanns Musik überzeugte vor allem in ihren ausdrucksstarken orchestralen Passagen, ob er mit drängenden Rhythmen Bedrohung signalisiert oder in breiter Lyrik die Traurigkeit strömen läßt.
Das zur Premiere vollständig erschienene Publikum zeigte sich höchst angetan. Prüfstein der Produktion werden die vier Reprisen an den nächsten Wochenenden sein - ob diese Art von anspruchsvoller, gar nicht "sommerlicher" Kost von den Wienern und den Gästen angenommen wird ...
WIENER ZEITUNG, KULTUR, 1. August 1997
KlangBogen "Simplicius Simplicissimus" von Hartmann
Imaginäres Theater für das Ohr
Von Christine Dobretsberger
In der Regel weist das inhaltliche Geschehen von Opern eine durchgehende Handlung auf. "Simplicius Simplicissimus" von Karl Amadeus Hartmann nicht. Üblicherweise spannt sich der musikalische Klangbogen in kontinuierlichen Sequenzen sozusagen von der Ouvertüre bis zum Schluß – nicht in dieser Oper. Meistens bleibt der Blickwinkel des Publikums während der Aufführung konstant – auch das ist bei dieser Inszenierung nicht unbedingt der Fall.
"Simplicius Simplicissimus" ist einfach anders. Hartmanns musikalisch-epische Hommage an den gleichnamigen Romanhelden von Grimmelshausen ist eine Parabel, die bildlich wie musikalisch keine abgeschlossene Kurve zeichnet. Hartmann komprimiert das Geschehen (angesiedelt im Zeitraum des 30jährigen Krieges) auf drei voneinander isolierte Szenen: Dorfleben und Überfall der Soldaten, Aufenthalt beim Einsiedel und Bankett beim Gouverneur.
Ebensowenig wie die literarische Vorlage als Entwicklungsroman (eher als ununterbrochene Kette von beispielhaften Wechselfällen des Schicksals), agieren auch die Protagonisten in Hartmanns Oper weniger im Sinne von Handeln, sondern Wandern durch eine Fülle von Szenarien um etwas zu "zeigen". Auch das Publikum ist eingeladen diesem bewegenden Fortschreiten Folge zu leisten. Die Räumlichkeiten des Semper Depots (vormals Prospekthof des k.u.k.Hoftheaters) eröffnen hierfür verschiedene Möglichkeiten der Perspektive, die der Zuseher auch während der Aufführung wechseln darf. Eine inszenierte Unruhe, die gewisse zusätzliche Spannung erzeugen mag, für das Wesenhafte dieser Oper, der unbeeinflußbaren Einfältigkeit des Simplicissimus, aber unwesentlich ist.
Im Mittelpunkt steht Simplicissimus, der Tor mit dem weltfremden Blick. Sein Bonus des unverständigen, naiven Kindes erlaubt ihm offen Kritik am größten aller Verbrechen – dem Krieg – zu üben. Eine Schlüsselrolle. Eine gelungene Besetzung! "Simplicissima" Barbara Heimann ist in Mimik, Gestik und Bewegung von erfrischender Natürlichkeit. Nichts wirkt aufgesetzt. Einmal mehr liegt im Einfachen die höchste Kunst. Barbara Heimann bleibt trotz hervorragender stimmlicher Präsenz "einfach" und gleichzeitig einfach gut.
Ebenso wie das Orchester Musica Viva. Unter der Leitung von Alexander Drcar gelingt es das Herz dieser Oper als eine Art musikalischen Bilderbogen in die Köpfe der ZuseherInnen zu projizieren. Bilder, die mitunter mit der tatsächlichen Bühnendarstellung kontrastieren können und sollen. Hartmanns Adaptierung von Simplicissimus bietet kein naturalistisches Musikdrama sondern baut vielmehr auf die imaginäre Kraft der Musik.
Weitere Aufführungstermine: 22.,23.,29., und 30. August jeweils 20 Uhr
SALZBURGER NACHRICHTEN 19.April 1997
Deftiges für den Liebesfrühling
Wien: Die Gruppe "Netzzeit" spielt "Schweinische Lieder"
Kein Gefühl so edel, daß man nicht darüber spotten könnte. Schon gar nicht das rosige Gefühl der Liebe, das die Menschen vornehmlich im Mai zu überraschen pflegt. Im "dietheater" im Konzerthaus kann man nun eine Zusammenstellung von Liedern hören und sehen, die geeignet ist, auch die größten Schwärmer wieder auf den harten Boden der Realität zurückzuholen. Unter dem eher verwirrenden Titel "Passionsspiele" verbirgt sich ein heiter- besinnlicher Abend, bei dem - vornehmlich im zweiten Teil - das schauspielerische Potential der fünf mehr, oder weniger liebeshungrigen Protagonisten Lucia Nistler, Ingrid Hofer, Peter Gruber, Rainer Mandl und Michael Scheidl voll ausgeschöpft wird. Peinlich wird es nur einmal, als in einer Posse über einen lüsternen Beichtvater vom Ensemble gar zu tief ins Schmierenkistchen gegriffen wird.
Michael Scheidl, der auch für die Regie verantwortlich zeichnet, hat sonst ein betont abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. So sind etwa die Szenen mit den zwei Mädchenkäufern - einer aus Wien, der andere aus Berlin - oder jene mit der lispelnden rosa Göre wirklich sehenswert, weil ausgezeichnet gespielt. Besonders interessant wird die Sache immer dann, wenn man sich über Alltagsliebhaber lustig macht. Wenn ein "Ungustl" zu der Melodie von Robert Stolz von den kleinen Mädchen schwärmt und sich die Unterhose ausstopft, dann ergibt sich für das gut gelaunte Publikum stets eine stattliche Portion Komik. Eine dreiköpfige Band sorgt dabei für die professionelle Begleitmusik.
schn |