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AMAZONAS



Christian Zehnder, Foto: Regine Körner


Liebe TeilnehmerInnen am Neuen Musiktheater!

Woran glauben Sie? An nichts? Glaub ich nicht. Haben Sie beispielsweise an den Erfolg von Aktien geglaubt? Dann mussten Sie wahrscheinlich in den letzten Jahren ganz schön dran glauben. Und haben Sie nicht auch bis vielleicht vor zwei Jahren noch geglaubt, dass der Glaube nicht nur keine Berge, sondern schon gar nicht einen Schwarzen ins Weiße Haus versetzen kann?

Wir am Theater leben vom Glauben und von Gefühlen. Deswegen ist für uns die Überraschung nicht so groß, wenn der Glaube plötzlich wieder sichtbar wird, mit der ganzen Macht, die ihm innewohnt, sei es nun mit so schrecklichen Folgen, wie am Kapitalmarkt, sei es mit so prinzipiell erfreulichen Kosequenzen, wie sie die US-Wahl mit sich brachte . Wenn sie an das, was Sie auf der Bühne sehen nicht glauben und wenn wir Ihre Gefühle nicht wecken, dann haben wir verloren.

Wir glauben auch daran, dass Kunst etwas bewegen kann. Deshalb ist netzzeit maßgeblich an einem großangelegten Musiktheaterprojekt der Münchener Biennale beteiligt, das sich den Regenwald zum Thema gemacht hat. Wie das Projekt in München und Sao Paulo aufgenommen wurde, können Sie unterhalb nachlesen. Und Ende September gibt es dann auch news über unser nächstes Festival in Wien, "2011 Out of Control".

Michael Scheidl
Künstlerischer Leiter


AMAZONAS/SAO PAULO


Amazonas-Südamerika-Erstaufführung, standing ovations
Amazonas-Probenfotos-São Paulo: Teil 1: Fall of the Sky / João Cipriano Martins, Tenor
Teil 1: Fall of the Sky / Instrumentalsolisten des Theatro Nacional São Carlos, Lissabon und Heinz Friedl



Am 21.07.2010 fand in Sao Paulo die südamerikanische Erstaufführung von „Amazonas, Musiktheater in drei Teilen“ statt und wurde von einem begeisterten Publikum mit standing ovations akklamiert. Alle fünf Vorstellungen vom 21. bis 25.07.2010 waren restlos ausverkauft. Weitere Aufführungen von „Amazonas, Musiktheater in drei Teilen“ beim „XV Festival Amazonas de Opera“ in Manaus 2011 werden erwogen. Eine Aufführung des Gesamtprojektes in Wien scheint am mangelnden Interesse potenzieller Coproduktionspartner zur Zeit nicht möglich zu sein. Teile des Gesamtprojektes werden frühestens 2011 im Rahmen von „2011 Out of Control“ in Wien zu sehen sein.


Amazonas-Probenfotos-São Paulo: Teil 1: Fall of the Sky / Christian Zehnder, Vokalartist
Teil 2: TILT / Moritz Eggert, Mafalda de Lemos, Christian Kesten; Teil 2: TILT / Philipp Kolb


Bitte beachten Sie zu AMAZONAS auch die Webseite des Projektes, betreut vom Goetheinstitut http://www.goethe.de/ins/pt/lis/prj/ama/deindex.htm




Christian Kesten, Mafalda de Lemos, Foto: Regine Körner



AMAZONAS/MÜNCHEN

MEDIEN-ECHO

Staunen über die Natur, Gier, die Instrumentalisierung der Ureinwohner, das legitim zu erachtende Recht auf Ausbeutung.

Schedl illustriert nicht. Schedl vertont keinen Text. Schedl überwältigt den Zuschauer. Seine Komposition beruht auf reinem Klang, am Computer entwickelt. Teile dieser an sich amorphen Tonsubstanz zieht er heraus, notiert sie, gibt sie dem fabelhaften Ensemble piano possibile zu spielen. Computerzuspielungen und Live-Orchester imitieren sich gegenseitig. Der Klang ist von brachialer Wucht und fragiler Zärtlichkeit. Industriell abstrakt und dann wieder konkret; die wenigen Sangespartikel richten sich nach dem Tonmaterial, sind weniger auskomponiert als abgehört. Intelektuell begreift man wenig von dem, was die drei real vorhandenen und in Projektionen unendlich vergrößerten Darsteller, darunter der fabelhafte Komponistenkollege Moritz Eggert spielen und reden. Aber die emotionale Wucht dieser extremen Musik erzählt viel mehr über die europäischen Reisen ins Herz der eigenen Finsternis, als es das folgende, kümmmerliche Buchstabieren je könnte. In unfassbarer Klarheit scheint hier die Zukunft auf, böse, scharf, gewaltig.

Egbert Tholl, Süddeutsche Zeitung, 11.05.2010



"Tilt" (Regie: Michael Scheidl, Bühne: Nora Scheidl), entspricht noch am ehesten konventionellen Erwartungen: Es gibt Darsteller, eine Geschichte, evidente Beziehungen zwischen Musik und Text sowie eine Dualität zwischen Bühne und Publikum. Die Art, wie die Musik - effektvoll dargeboten vom Ensemble piano possibile unter der Leitung von Heinz Friedl - den Raum selbst zum Ereignis macht, schickt die Aufmerksamkeit des Publikums auf eine eigene Reise und macht den Blick frei auf das Archaische der rücksichtslosen Gold-Suche, die seither in immer neuen Zyklen geschieht.

Was bleibt, ist die raumdefinierende Stimmkunst des Ensembles (darunter Phil Minton, der Vater der avantgardistischen Stimmruinierarbeit) und die sensible, eigenwillige Ordnung der elektronisch bearbeiteten Klangwelt.

Hans-Jürgen Linke, Frankfurter Rundschau, 10.05.2010


…Hier wird auf höchster Emotionsstufe und auf Englisch Zeugnis abgelegt, wie die Gier und das Grauen in den Urwald kamen…. Die sphärische, teils aber auch richtiggehend garagenrockige, computergestützte Musik des Ensembles
Piano possibile variiert da manchmal hübsch weit weg von den Doors, und die Szene hat jenen apokalyptischen Touch, den Marlon Brando in Coppolas Vietnamfilm spüren ließ: Tod, Angst und Schrecken durchziehen die Einleitung von „Amazonas“: passend, packend und durch die Musik von Klaus Schedl auf der Höhe der Zeit.

Mirko Weber, Stuttgarter Zeitung



Walter Raleighs Aufzeichnungen über seine Expedition Ende des 16. Jahrhunderts ins Orinoko-Becken und die Suche nach "El Dorado" bildeten den Stoff für eine einstündige Performance. Auf riesigen Leinwänden projizierte Gesichter von zwei Männern und einer Frau singen, sprechen, schreien live. Diese werden zudem immer wieder leibhaftig sichtbar - als Alltagsmenschen hinter den Projektionen.
Faszination, Besitzenwollen, Unverständnis und schließlich brutale Eroberung kulminieren symbolisch, wenn das goldbemalte Gesicht der Frau zum von Männerhänden betatschten Objekt der Begierde wird. Am Ende kollabieren die Projektionen in aberwitzigem Wechsel mit der lauter werdenden, in ihrer synthetisch erzeugten Attacke geradezu körperhaft erfahrbaren Musik von Klaus Schedl.

Klaus Kalchschmid, Die Welt, 17. Mai 2010


"Tilt“ spielt mit der Dialektik zwischen Darstellern und deren Liveprojektion (Regie: Michael Scheidl), Klangdateien und computergenerierte akustische Strukturen stehen für die Gewalt, mit der unsere letzten natürlichen Ressourcen seit dem 16. Jahrhundert ausgebeutet werden.

Wie ein Intermezzo der wahren Natur hingegen erscheint der Mittelteil des Projekts, jener „Einsturz des Himmels“, der die Yanomami und ihre Bedrohung ganz direkt und in einer völlig verwandelten Szenerie zeigt. Plötzlich wird das Theater fassbar und konkret, gleichsam real: Die Klänge und Figuren des Naturvolkes und seiner Schamanen, die Lyrik des Waldes, das alles spricht auf wundersam natürliche, ja magische Weise (Regie wiederum Michael Scheidl,musikalische Leitung: Heinz Friedl). Die Zuschauer erleben dieses Intermezzo gewissermaßen ambulant, sind dabei, greifen ein – und plötzlich macht sich alles, was wir in Europa Krise nennen, exemplarisch fest: Mit unseren schier unbegrenzten Mitteln und Möglichkeiten erschlagen wir uns selbst, Rettung, Klärung käme nur und buchstäblich aus „dem Anderen“.

Georg-Albrecht Eckle, Der Tagesspiegel, 12.05.2010



Der erste widmet sich den Europäern, die im 16. Jahrhundert die Gegend entdeckten und ausbeuteten. Klaus Schedl
schrieb hierzu seine Musik "Tilt", perkussiv, laut,
agressiv, vom Ensemble PIANO POSSIBILE unter
Leitung von Heinz FRIEDL noch elektronisch verstärkt
dargeboten. Drei Darsteller prägen das Bild in der
Inszenierung von Michael SCHEIDL. Drei Leinwände
zeigen Gesichter, hinter denen manchmal der gesamte
Mensch durchscheint. Moritz EGGERT, Mafalda DE
LEMOS und Christian KESTEN deklamieren, singen
rufen, schreien Texte von Sir Walter Raleigh, dem
Eroberer im Dienste von Königin Elisabeth der Ersten
von England. Die Begegnung mit dem Fremden, das
fasziniert, aber um jeden Preis niedergerungen und
beherrscht werden muß. Der Fokus auf den Gesichtern
der intensiv agierenden Darsteller schlägt in den Bann,
der Text berührt in seiner Zwiespältigkeit

Mittelloge, Loge 5


Zu Roland Quitts Text-Collageund - Fuge nachdem Reisebericht Sir Walter Raleighs hat schedl eine athmosphärisch dichte Musik mit suggestiver Kraft komponiert. Seine Klangmalerei bewegt sich mitunter knapp unter der Schmerzgrenze. Dann wieder zeichnet sie in sphärischen Klängen die große, unheimliche, feierliche Natur: Filmmusik fürs Kopfkino. Mafalda de Lemos, Moritz Eggert, Christian Kesten verkörperten in der Regie von Michael scheidl den Entdecker Raleigh, die Köpfe meist in monumentaler Größe auf die Videoleinwand geworfen - ein Tryptichon der Verstörung und Zerstörung. Visuell schauspielerisch und musikalisch überzeugend, machte "Tilt" in seiner aggressiven Wucht und filigranen Feinheit Appetit.

Michael Weiser, Bayernkurier

Man sollte nicht glauben, dass die Bäume nicht vor Schmerzen schreien. Davi Kopenawa Yanomami

AMAZONAS
Musiktheater der Gegenwart in drei Teilen

Multimimedia-Oper komponiert von Klaus Schedl, Tato Taborda und Ludger Brümmer

Libretto und Dramaturgie Akt I und II Roland Quitt, Akt III Peter Weibel

Inszenierung Akt I und II Michael Scheidl, Akt III Peter Weibel

Bühne und Kostüme Akt I und II Nora Scheidl
Bühne und Kostüme Akt III N.N.


In einer außergewöhnlichen Verbindung von Musiktheater, Technologie und Wissenschaft soll eine Multimedia-Oper die Welt des Amazonas und die Bedrohung ihrer einzigartigen Ressourcen beleuchten. Um die Relevanz des Themas zu betonen, sind ein umfangreiches pädagogisches Vermittlungsprogramm, Publikationen und ein Internetportal integrale Bestandteile des Opernprojekts. Die künstlerische Produktion des Projekts orientiert sich hierfür am neuesten Stand der Forschung. Dabei versteht es die Zusammenarbeit mit den indigenen Gruppen, die in Amazonien leben, als einen Dialog zwischen Zeitgenossen. Die Uraufführung der Multimedia-Oper ist bei der 12. Münchener Biennale 2010 vorgesehen.

Was Peter Sloterdijk in einem ersten Arbeitstreffen 2006 den "amazonischen Schmerz", die Angst vor einem drohenden Verlust nannte, wird zur Geschichte der Oper. Ihr Protagonist ist der Regenwald. Eine Stimme verleihen ihm die Yanomami, eines der letzten großen indigenen Völker Südamerikas. Die Verbindung von indigener Kosmologie und wissenschaftlich-technischer Weltsicht erlaubt einen neuen Blick auf alle mit dem Amazonas verbundenen Themen: Artenvielfalt, Brandrodung und Völkermord sowie der Klimawandel spielen eine herausragende Rolle, die mit der Oper angesprochen werden sollen. Der Amazonas, seit Jahrtausenden bevölkert, erhält eine Dimension jenseits einer bloßen Ressource. Hierdurch wird insbesondere die Wechselwirkung zwischen Natur und Kultur hervorgehoben.

Deutsche und brasilianische Experten und Künstler arbeiten intensiv zusammen, so die Komponisten Klaus Schedl (München) und Tato Taborda (Rio de Janeiro), die Medienkünstler Peter Weibel (Karlsruhe) und José Wagner Garcia (São Paulo), der Schamane Davi Kopenawa Yanomami (Watoriki) und der Anthropologe Bruce Albert (Paris/ São Paulo).
Konzeptionell federführend sind der Soziologe Laymert Garcia dos Santos (São Paulo) und der Medientheoretiker Peter Weibel (Karlsruhe).
Für Akt I und II erarbeitet Roland Quitt Dramaturgie und Libretto, Nora Scheidl gestaltet Bühne und Kostüm und Michael Scheidl (Wien) übernimmt die szenische Realisierung, die Gestaltung von Akt 3 realisiert das ZKM Karlsruhe.

Weltpremiere: 9. Mai 2010, München (weitere Vorstellungen: 11. bis 14. Mai 2010)
Brazilianisch Premiere: Juli / August 2010, São Paulo



Quotations: From "Minutes of Meetings April 2008" - Project Meeting (PDF)

Presse: Experiment "Ópera Amazônia" in São Paulo
by Helmut Reuter, dpa, 7. Dez 2008, 12:55 (PDF)


KooperationspartnerInnen:

Münchener Biennale – Internationales Festival für neues Musiktheater
Zentrum für Kunst und Medientechnologie – ZKM | Karlsruhe
Goethe-Institut München und São Paulo
SESC São Paulo
Portugiesische Staatsoper Sao Carlos, Lissabon
netzzeit, Wien
Petrobras Forschungszentrum CENPES
Yanomami-Organisation Hutukara
Brasilianisches Kulturministerium

Das Musiktheater ist Teil eines weltweiten Projekts des Goethe- Instiututs, in dessen Mittelpunkt der tropische Regenwald steht.




AMAZONAS bei der Münchener Biennale 2010,in Sao Paulo und Lissabon




Die "Malocka" (das Dorf) Watoriki in der Roraíma/Brasilien. Foto: M.Scheidl


Michael Scheidl wurde von der Münchener Biennale und dem Goethe Institut/Sao Paulo beauftragt, ein Opernprojekt über AMAZONAS mit Premiere im Mai 2010 in München zu realisieren. Das Projekt ist als Koproduktion/gemeinsamer Auftrag von Münchener Biennale, Goethe Institut/Sao Paulo, SESC-Sao Paulo, ZKM/Karlsruhe unter seinem Direktor dem Medienkünstler Peter Weibel, sowie netzzeit/Wien und Muziektheater Transparant/Antwerpen geplant. netzzeit hat bereits diverse Aufgaben im Bereich Managmenent und Entwicklung der Teile I und II des Werkes übernommen, sowie im Bereich der Koordination der brasilianischen, portugiesischen und deutschen Teilentwicklungen. Darüber hinaus wird ein Gastspiel der Produktion beim Festival 2011 Out of control ins Auge gefasst. Das Projekt wird von der Europäischen Union gefördert.

Der Komponist Tato Taborda, Michael Scheidl, als Regisseur und Coproduzent, die Bühnen- und Kostümbildnerin Nora Scheidl, der Dramaturg Roland Quitt, der Anthropologe Bruce Albert, der Soziologe Laymert Garcia dos Santos, der Medienkünstler Leandro Lima, als Vertreter des ZKM - Karlsruhe Moritz Büchner, und als Vertreter des Serviço Social do Comércio São Paulo Sergio Pinto, trafen im vergangenen August in Sao Paulo und Nordbrasilien auf Einladung von SESC São Paulo, dem Goethe Institut und der Münchener Biennale zusammen, um gemeinsam mit den Yanomami, die ein Gebiet von etwa der Größe der Schweiz auf der brasilianischen Seite des nördlichen Regenwaldes von Südamerika bewohnen, an der Oper zu arbeiten. Die Beteiligten folgten damit der Einladung des Schamanen Daví Kopenava Yanomami, sein Heimatdorf zum zweiten Mal im Zusammenhang mit dem Projekt zu besuchen, das sich zwischen Boa Vista und der venezolanischen Grenze befindet - im Regenwald etwa dreihundert Kilometer vom nächsten Straßenanschluss entfernt. Der erste Besuch fand im März 2008 unter zusätzlicher Beteiligung des deutschen Komponisten Klaus Schedl statt, der den ersten Teil der Oper schreibt.

Watoriki - Logbuch einer Reise



Watoriki – Logbuch
Reise nach Watoriki/Roraima über Boa Vista, vom 13. bis 19.August 2009

Am 13. August 2009, zur Mittagszeit, verließen Davi Kopenawa Yanomami (Schamane), Bruce Albert (Anthropologe), Moritz Buechner (Videokünstler/ZKM), Laymert Garcia dos Santos (Soziologe), Leandro Lima (Videokünstler), Sergio Pinto (Chefkoordinator im Bereich Musik von SESC-Sao Paulo), Roland Quitt (Dramaturg), Nora Scheidl (Bühnen-Kostümbildnerin), Michael Scheidl (Regisseur) and Nayra (Köchin) Boa Vista mit vier Cessnas in Richtung Watoriki. Eines der Flugzeuge flog allerdings über Totobi, um in diesem Dorf die Schamanen Levi, Andre, Isaias an Bord zu holen, die an dem mehrtägigem Workshop teilnahmen.

13. August/nachmittags:
Einrichten in Watoriki
Yanomami beginnen bereits Bambus zu schneiden, um daraus für Tato Taborda Flöten zu fertigen
Diese Flöten werden Teil von Tato Taborda´s instrumentaler Orchesterbesetzung

14.August/morgens:
In der Maloka: Yanomami beginnen mit Filzstiften auf Papier Bilder zu zeichnen, die unter anderem die Darstellung Xawaras (das Wort bedeutet „Rauch“ auf Yanomami), dem Geist des Bösen zum Gegenstand haben, der alle schlechten Aspekte des weißen Mannes beinhaltet.
In der Maloka: Yanomami arbeiten weiter an den Flöten

14. August/nachmittags:
In der Maloka:Yanomami arbeiten weiter an den Bildern.
In der Maloka: Yanomami arbeiten weiter an den Flöten
In der Maloka: Schamanen von Watoriki und Totobi beginnen mit einem Heilungs- und Schutzritual vor bösen Geistern für einige Menschen – vor allem Kinder im Dorf. Im Rahmen dieser Rituale gibt es immer wieder Raum für Dialoge mit uns, die unter anderem zu einer grotesken Darstellung eines ungeschickten Jägers durch den Schamanen Levi von Totobi führte, der sich als großartiger Schauspieler und Komödiant – neben seinen enormen und beeindruckenden spirituellen Fähigkeiten und Kräften entpuppte.
Im Regenwald: Moritz Büchner wird von den Yanomami zu einem Wasserfall geführt (ca. eine Stunde von Watoriki), um Aufnahmen für Teil III des Projektes zu machen.
Im Schulhaus: Meeting und Diskussionen, die verschiedene Aspekte des Projektes betreffen:
- Wie können wir die Zeichnungen als Quelle für dramatische Situationen der „Bilder im Gehirn des Schamanen“ verwenden? Wie groß sollen die Projektionen sein?Wie viele dieser Projektionen soll es geben? Wie hoch ist ihre Erscheinungsfrequenz während Tato Taborda´s Labyrinthteil? Wie werden Leandro Lima und Gisela Motta dieses Material bearbeiten und verändern? (Teilnehmer des Meetings: Nora Scheidl, Leandro Lima, Roland Quitt, Michael Scheidl, Tato Taborda).
Im Regenwald: Moritz Buechner bewegt sich in der Umgebung der Maloka und macht – gemäß Auftrag - Naturaufnahmen.
Leandro nimmt Video- und Fotomaterial als Grundlagefür Lichtpunkte im Labyrinth auf („im Gehirn des Schamanen“). Seine Hauptmotive sind Gegenlichtaufnahmen in und um die Maloka während des Tages, - abgesehen von zusätzlichen Dokumentationsaufnahmen.

15. August/nachmittags
In der Maloka:Yanomami setzen die Malereien fort.
In der Maloka:Yanomami arbeiten weiter an den Flöten.
15. August/ganzer Tag:
In der Maloka: Ganztätiges Meeting mit den Schamanen, die uns von ihren Begegnungen und Erlebnissen mit den Missionaren erzählen. Wichtig für Roland Quitt, um die Librettoinhalte von Tato Taborda´s Teil zu kreieren, die mit den Missionaren zu tun haben. Wichtig für mich um die Gestik und Körpersprache der Yanomami zu studieren (sei es während ihrer Berichte aber genauso auch während der Rituale, um aus deren Gestik, Körpersprache und Mimik eine Art künstliche Repräsentation der Yanomami im Ausdruck der Sänger zu entwickeln. Aus allen diesen Gründen gibt es eine gewaltige Menge von Dokumentationsmaterial, das von Roland Quitt, mir und Leandro Lima aufgenommen wurde. Die Lebensgeschichten, die uns die Yanomami erzählten, waren sehr berührend und zeigten ihre großen Persönlichkeiten und ihre menschliche Großzügigkeit, als sie jeweils auf die Handlungen der Missionare zu sprechen kamen, die immer wieder mit jeder nur erdenklichen Art von Betrug und Ausbeutung bis hin zur Paedophilie zu tun hatten. Viele der heutigen Schamanen waren zusammen mit den Kindern der Missionare (=zweite Generation der Missionare) gemeinsam aufgewachsen, weswegen es keine Schwarzweißmalerei über die Weißen im allgemeinen gab, aber sehr klare Worte über die von ihnen begangenen Verbrechen.

15. August/ganztägig:
Im Regenwald: Moritz Buechner macht sich auf, den „Hausberg“ hinter der Maloka zu besteigen um weitere Naturaufnahmen – inklusive von dem eindrucksvollen Basaltgestein und der hinreissenden Aussicht über den Regenwald zu machen.
15. August/nachmittags:
Im Schulhaus: Meeting und Diskussionen die sich mit verschiedenen Aspekten der Projektentwicklung beschäftigen:
- Ist es nötig, eine massive materielle Repräsentation der Maloka im Vorstellungs-Raum zu haben oder reicht eine Darstellung über Licht und die Bedeckung einer gewissen Fläche mit Granulatmaterial. (Quitt, Scheidl, Scheidl)

16. August/morgens:
Yanomami malen weiter.
Yanomami arbeiten weiter an den Flöten.
16. August/ganztägig:
an diesem Tag kommt es zu den beeindruckendsten Inkarnationen von Geistern und Energien im Rahmen einer ganztägigen schamanistischen Session aller Schamanen von Watoriki und Totobi.
Meeting zwischen Scheidl, Scheidl und Pinto um Bühnenmodifikationen betreffend Spielort SESC – Pompeia in Sao Paulo zu besprechen.
17. August/ganztägig:
Im Schulhaus: Meeting und Diskussionen, die mit verschiedenen Aspekten der Projektentwicklung zu tun hatten:
- Gibt es noch Verbindungen zwischen den drei Teilen des Projektes, oder bewegt sich das ganze Projekt in eine Richtung, wo wir von drei ganz verschieden Annäherungen an dasselbe Thema sprechen können? (Laymert Garcia dos Santos, Quitt, Scheidl, Scheidl, Taborda, Lima, Buechner)
In der Maloka: Lange Gespräche mit den Schamanen über ihre Erfahrungen mit Wissenschaftern, vor allem über den Fall des Blutdiebstahles für wissenschaftliche Belange.
In der Maloka: Überaus beeindruckende Abschiedsrede von Davi Kopenawa am Abend, begleitet von seinen besten Wünschen für dessen Gelingen, simultanübersetzt von Bruce Albert. Das ist auch der Moment um Bruce überhaupt zu danken, nicht nur für seine unermüdlichen Übersetzungen während all unserer Gespräche, Auseinandersetzungen und Interaktionen mit den Yanomami, sondern auch für all seine anderen Unterstützungen, seine so wertvolle Beteiligung und Ratschläge an und in unseren Diskussionen, seine allgemeine Hilfe fast rund um die Uhr. Er war dauernd „im Dienst“, weil er der unverzichtbare Schlüssel zu all den Informationen und Inspirationen war, die wir bekommen haben und von denen unsere weitere Arbeit bereits profitiert.

18. August/morgens:
In der Maloka: Packen für die Rückreise
Wanderung zum Demini Airfield
Rückflug nach Boa Vista
Einchecken im Hotel Barrudada/Boa Vista

19. August/morgens:
Besuch des Hutukara – Büros in Boa Vista und Gespräche mit Davi über seine Erfahrungen mit Politikern
Und nebenbei wurden wir Zeugen der täglichen Probleme der Yanomami: Ein Regierungsbeamter aus Brasilia wurde erwartet, der sich selbst von den Gesundheitsproblemen im Yanomami – Gebiet überzeugen sollte. Aber er hat bereits vor seiner Anreise angekündigt, dass er nicht bereit ist ein Dorf zu besuchen, wo die Menschen an Malaria erkrankt sind. Er sei nur bereit ein Dorf aufzusuchen, wo es keine Gesundheitsprobleme gibt(!).


Das vielleicht wichtigste Resümee ist Folgendes:

Die Schädlichkeit des sogenannten Fortschrittes wird immer deutlicher sichtbar, je länger wir uns mit dem Projekt befassen und je konkreter Form und Inhalt des Ereignisses wird, desto klarer werden die Ursachen dieser Schädlichkeit:

Was heißt Fortschritt? Letztlich heißt es nur immer noch mehr Ressourcen aller Art (inklusive Menschen!) in „commodities“ zu verwandeln, also nach Nutzbarkeit zu klassifizieren und benutzbar zu machen. Letztlich auch den Regenwald und auch dessen Menschen – und schließlich alle Menschen. Im Zuge unserer Arbeitsgespräche in Watoriki gab es eine sehr fruchtbare Streitsituation zwischen Roland und Bruce, die damit begann, dass Roland Bruce einen Wissenschafter nannte. Das gefiel Bruce überhaupt nicht, weil er ja der Wissenschaft die alles für den Fortschritt und zum „Glück der Menschheit“ unternimmt den Rücken gekehrt hat. Die Leidenschaftlichkeit mit der sich Bruce verteidigt hat und für Menschlichkeit anstelle von Fortschritt, Gottesfurcht und Volksbeglückung eintrat, hat dazu geführt, dass Roland ein Peanuts Cartoon einfiel, das den Kern der Sache – in Übereinstimmung von uns allen inklusive Laymert und Bruce - trifft:

Linus zu Lucy: „When I will be grown up, I´ ll become a doctor.“
nächstes Bild: Lucy zu Linus: „You can´t become a doctor. You hate mankind.“
nächstes Bild. Lucy geht weg, Linus bleibt sitzen.
Nächstes Bild: Linus sagt: „That is not true. I love mankind. - I just hate people.“

Tagtäglich begehen Glaubens-, Wissenschafts- und Volksvertreter aller Art Verbrechen aller Art – für die Menschheit – gegen die Menschen, die daran sterben. Diese Toten sind dann nicht die „notwendigen Opfer für eine bessere Zukunft der Menschheit“, wie uns so gerne weisgemacht wird, sie sind die ersten Opfer auf dem Weg zu einer menschenlosen Zukunft. Wenn es uns gelingt diese Botschaft 10% tiefer ins Bewusstsein unserer Zuschauer dringen zu lassen, haben wir vor allem etwas für die Menschen getan – für die Wald – Menschen (=Yanomami) und die Stadtmenschen – und für den Regenwald, denn sein Zustand wird immer mehr zum Indikator dafür, ob der weisse Mann etwas für die Menschheit tut oder endlich wieder damit beginnt, etwas für die Menschen zu tun – angefangen bei ihm selbst.

Schließlich will ich im Namen aller Excursionsteilnehmer all jenen Menschen hinter dem Projekt über Bruce hinaus danken, die hart für diese Exkursion gearbeitet haben und die auch weiterhin ebenso hart an der vor uns liegenden Intensivierung des Projektes arbeiten auf ein großartiges Ergebnis hin – im Mai 2010:

Davi Kopenawa Yanomami, Lor di Val und alle anderen Schamanen und Einwohner von Watoriki für ihre freundliche Einladung, ihre Gastfreundschaft, für ihre ambitionierte Unterstützung und ihre vielfältigen Beiträge zu dem Projekt, den Schamanen Levi, Andre, Isaias von Totobi die sich zu den Menschen von Watoriki gesellten, um uns ihre Erfahrungen mitzuteilen und an allen Ritualen in Watoriki teilzunehmen, die zu erleben wir die Freude hatten, Joachim Bernauer vom Goethe Institut in Lissabon (vormals Sao Paulo), als einen der Erfinder und verlässlichen „Motoren“ des Projektes, dann Jana Binder vom Goethe Institut in Sao Paulo jetzt, und Carminha Gonghora die das Projekt tatkräftig aufrecht halten hilft und die schon seit Jahren dort arbeitet, nicht zu vergessen Ilona Rechlin – ebenda, Tilman Broszat und Andrea Hartenstein unser Brückenkopf bei der Münchener Biennale, Sergio Pinto unserem Brückenkopf im SESC – Sao Paulo, allen unseren Yanomami – Freunden bei Hutukara in Boa Vista, Carlo Zaquini, dieses weisse Herz, das seit langer Zeit schon im Yanomami – Rhythmus schlägt und Nayra, die für uns gekocht hat – all diesen Menschen sagen wir Dank für ihre umfangreiche, kompetente, professionelle, herzliche und leidenschaftliche Hingabe an das Projekt. Werner Kraft von der Münchener Biennale steckt ebenfalls bereits tief in den technischen Vorbereitungen, den Herausforderungen und Entwicklungen für die Reithalle in München ebenso, wie hinsichtlich der ganzen schwierigen Überlegungen im Zusammenhang mit den notwendigen Adaptionen für die Aufführungsräume in Sao Paulo und Lissabon – danke für allen Rat und alle begleitenden hilfreichen Hinweise auf dem Weg zur optimalen Raumlösung.

Weil all das der jüngste Schritt auf dem Weg zum Ergebnis im Mai 2010 war, habe ich mir erlaubt zunächst all jene Menschen zu nennen, die in der ersten Reihe der Verwirklichung dieser jüngsten Aktion standen, die notwendig war. Aber wir alle sind uns der starken Unterstützung durch Peter Ruzicka bei der Münchener Biennale, Peter Weibel, und Christiane Riedel vom ZKM, Rosana Paulo da Cunha von SESC – SP bewußt, ebenso wie der von Bernt Lintermann und Ludger Brümmer und all den anderen Künstlern und Mitarbeitern des ZKM, die an dem Projekt beteiligt sind. - Und wir sind bereits stark damit beschäftigt unseren künstlerischen Dialog mit allen diesen beteiligten Künstlern zu intensivieren, angefangen von Peter Weibel, Klaus Schedl (Komponist Teil I), Gisela Motta (Videokünstlerin) und viele Andere, die nicht mit uns in Watoriki waren.

Michael Scheidl (Regisseur)


Der Schamane Daví Kopenava Yanomami, der "Dalai Lama des Regenwaldes" (Berliner Morgenpost,18.10.2007): "Alle Musik kommt von den Amoahiki-Bäumen des Regenwaldes, der Baum, dessen Lied keinen Anfang und kein Ende hat."

ERNST KRENEK - WIEDERENTDECKUNG DES JAHRES
„Im vergangenen Jahr rückten die Bregenzer Festspiele zwei Stücke wieder ins Rampenlicht, die schon fast in der Versenkung verschwunden waren: die Satire „Kehraus um St. Stephan" und das episch dimensionierte Musikdrama „Karl V.", schreibt Albrecht Thiemann, Redakteur der Opernwelt. Die Redaktion zeichnete die Bregenzer Festspiele erstmals für die „Wiederentdeckung des Jahres" aus. Grund hierfür war, dass mit den beiden extrem unterschiedlichen Stücken in Bregenz das kontrastreiche Opernschaffen Kreneks deutlich wurde.
Die Bregenzer Festspiele hatten 2008 einen eigenen Krenek-Schwerpunkt gestaltet. Passend zum Thema der Saison, „Macht und Musik", nahmen sie die Oper Karl V. und die zeitkritische Operette Kehraus um St. Stephan ins Programm. Die beiden Werke repräsentieren Kreneks intensive Auseinandersetzung mit der bevorstehenden politischen Katastrophe Ende 1920er- und Anfang der 1930er-Jahre.
Bei den Bregenzer Festspielen wurde die Auszeichnung mit großer Freude aufgenommen. „Es ist schön zu sehen, dass Mut Anerkennung findet", sagt Intendant David Pountney. „Die Begeisterung des Publikums nach der Premiere und der jetzige Kritikerpreis zeigen, wie populär scheinbar schwere Opernkost sein kann." Sein Dank gelte den ausführenden Künstlern, allen voran den Regisseuren Uwe Laufenberg und Michael Scheidl, betont Pountney.

PzweiPressearbeit, Donnerstag, 22. Oktober 2009
Der ganze Artikel nachzulesen im Netz: Pzwei
http://www.pzwei.at/index.php?option=com_content&task=view&id=935&Itemid=49


netzzeit hat 1999 das Werk Kreneks umfassend gewürdigt indem es die Werke "Die Zwingburg", "Das geheime Königreich" und "Der Glockenturm" (letzteres in Coproduktion mit dem Klangbogen) im Jahr vor seinem hundertsten Geburtstag zur Aufführung gebracht hat. netzzeit gratuliert allen Beteiligten, den Künstlern und Mitarbeitern der Bregenzer Festspiele, der Wiener Volksoper und des Luzerner Theaters, die alle maßgeblich zu dieser Anerkennung beigetragen haben.. Da sich netzzeit seit 2000 in seiner Programmatik ausschließlich dem zeitgenössischen Musiktheater der Gegenwart widmet, sind Produktionen von Krenek-Opern in diesem Rahmen nicht mehr möglich. Aber das ändert natürlich nichts an unserer tiefen Bewunderung und unserem Respekt für sein wunderbares Werk, das nach wie vor in vielen Belangen des heutigen Musiktheaterschaffens richtungsweisend sein sollte.